Thalloris vol. 2

thematischer Schwerpunkt: Kulturelle Apartheid

„Der Mensch, befreit vom Sprungbrett, das die Widerstandskraft der anderen bildet, schürft im eigenen Fleisch, um einen Sinn für sich zu suchen.“ (Frantz Fanon, Schwarze Haut, weiße Masken)

Der Staat hat neulich in Brasilien der Favela-Kultur den Kampf angesagt. 2014 demonstrierten in Hamburg Rollstuhlfahrer, weil die Kammerspiele, die sich in Anlehnung an den französischen Blockbuster Intouchables gerne des Themas der Behinderung annahmen, ursprünglich die Teilnahme der Behinderten an der Premiere gar nicht vorsahen. In Nordirland entlädt sich das angestaute kulturell-konfessionelle Empörungs- und Gewaltpotential im Anschluss an die jährlich stattfindenden Paraden in der „Marching Season“ regelmäßig in Gewaltaktionen. IS-Milizen rechtfertigten neulich die mit Planierraupen und Bulldozern vollbrachte Verwüstung der zum Weltkulturerbe der Unesco gehörenden antiken Skulpturen in Mossul, Ninive, Nimrud und Hatra mit dem Verbot der bildlichen Darstellungen von Mensch und Gott in Islam. 2013 wurde von der russischen Duma mit großer Mehrheit das sog. Gesetz gegen Homosexuellen-Propaganda verabschiedet. Polen sträubt sich seit einigen Jahren – aus Angst vor Überfremdung und Terroranschlägen – Kriegsflüchtlinge aufzunehmen. Und während Israel ungeachtet der UNO-Resolutionen, die diese Praxis verurteilten, an seinen Sperranlagen im Westjordanland systematisch weiterbaut, beginnt der neugewählte amerikanische Präsident mit der Einlösung seines zentralen Wahlversprechens „Built that wall“. Brexit, Rechtsruck in der Politik nicht nur in den jungen (Polen, Ungarn, die Slowakei), sondern auch alt etablierten Demokratien (Frankreich, die Niederlande, die Schweiz) markieren eine tiefe Krise des europäischen Modells des Multikulturalismus. Was sich an seiner Stelle ausbreitet, ist die Sehnsucht nach der Stärke des autoritären Staates, der Rückzug auf nationale Positionen und die generelle Aufwertung des Drinnen gegenüber dem Draußen. Die Nostalgie greift um sich, die Nostalgie nach der alten guten Zeit, als die Grenzen zwischen Freund und Feind, dem Eigenen und Fremden, Normalen und Pathologischen noch klar und scharf gezogen waren, als man sich noch nicht zu fürchten brauchte, in der „dünnen Mainstreamsuppe“ unterzugehen.

Überall prallen Kulturen aufeinander und dem unlängst heraufbeschwörten Kulturclash scheint es in der heutigen Welt besser als je zuvor zu gehen. Alte nationale, ethische, sexuelle, konfessionelle, rassische u. a. Barrieren kommen zu neuen Ehren, weitere werden errichtet. „Der Weiße ist in seine Weißheit eingesperrt./ Der Schwarze in seine Schwarzheit“, möchte man mir Frantz Fanon sagen. Und doch ist der Drang zur Errichtung von Barrikaden keine neue Erscheinung. Seit Menschengedenken gab es Ausschließungs-, Ausgrenzungs- und Diskriminierungspraktiken, Xenophobie und Isolationismus; ethnisch, national, religiös, sogar systempolitisch untermauertes Sendungsbewusstsein, das fast immer darauf hinausläuft, die Anderen ethnozentrisch d. h. durch die eigene kulturell geprägte Brille zu betrachten, zu beurteilen und dadurch ein schwarz-weißes Bild zu entwerfen, das Grautöne ignoriert. Und obwohl sich die Forscher bis heute darüber nicht einig sind, ob kulturelle Differenzen als Bereicherung oder eher Bedrohung der sozialen Kohäsion zu verstehen seien, ist davon auszugehen, dass überall, wo u. a. erwähnte Praktiken der Exklusion, Unterdrückung, Demütigung, Diskriminierung auf bestimmte ethnisch, konfessionell, demographisch bzw. anders definierte Gruppen angewendet werden, eine Art Apartheid im Gange ist; dass bei allen Modellen der fehlenden Integration, die an sich den Menschen krank macht, bestimmte Kollektive marginalisiert, ghettoisiert und zur Bildung von ambivalenten Wirklichkeitsentwürfen, Parallelgesellschaften und ähnlichen Formen der Desintegration gezwungen werden, Apartheid Pate stand.

Die Literatur und Sprache haben all diese Phänomene nicht selten mitgetragen, immer registriert. Und weil sie den Gesellschaften nicht nur einfach den Spiegel vorhalten, sondern durch die ihnen eigene Performativität diese auch mitgestalten, haben sie sie manchmal mitzuverantworten. Und da beginnt unser Interesse, das u. a. den Ergebnissen und Modi dieser Registrierung, den Darstellungs- und Inszenierungsszenarien gilt. Da die Archivfunktion gleichermaßen Einblicke in die vergangenen wie gegenwärtig verlaufenden Prozesse der kulturellen Bedeutungsstiftung vermittelt, werden wir uns über Ihre Überlegungen zu neuen Werken/Erscheinungen/Tendenzen genauso freuen, wie zu den alten.

Auf die digitalen Versionen Ihrer Texte warten wir bis zum 31. Januar 2018.

Schicken Sie sie an thalloris.ifg.uz@gmail.com. Richtlinien zur Manuskriptgestaltung finden Sie unter http://www.ifg.uz.zgora.pl/index.php/dzialalnosc/thalloris.

Anhang: CFP

STYLESHEET

Cezary Lipiński und Wolfgang Brylla

Zielona Góra, den 10. Mai 2017