Thalloris vol. 3

Thematischer Schwerpunkt:

Nationalismen

„Unsinn und Wut durchflammt ein Volk weit eh’r als Lieb‘ und Freude“ (J.W. Goethe, Elpenor)

Albert Einstein sah den Nationalismus als eine „Kinderkrankheit, sozusagen die Masern der Menschheit“ an. Heute scheint diese Maxime angesichts der immer lauter werdenden rechtspopulistischen Rhetorik mit nationalistischen Untertönen aktueller denn je zu sein. In Chemnitz wurden Menschen mit Migrationshintergrund durch vermummte Rechtsradikale, die sich mit dem verbotenen Hitler-Gruß brüsteten, durch die Straßen gejagt. Im mecklenburgischen Städtchen Jamel, dem weltweit berühmt-berüchtigten Nazi-Dorf, wird man als Besucher mit der Aufschrift „frei-sozial-national“ begrüßt, die sich an einer rot beschmierten Wand mit einem völkisch anmutenden Familienbild befindet. Dort sehnt man sich nicht nur nostalgisch nach der NSDAP-Zeit zurück, die durch einen Straßenwegweiser mit solchen Zielorten wie Wien/Ostmark oder Braunau a. Inn symbolisiert wird; in Jamel wird auch öffentlich, ohne vom Verfassungsschutz behelligt zu werden, das nationalsozialistische Gedankengut am Leben gehalten. In Polen verwandeln sich in letzter Zeit die „Unabhängigkeitsmärsche“ in Umzüge brüllender Nationalisten aus ganz Europa. In Russland erwies sich der zur Staatsideologie erhobene Nationalismus als willkommene Alternative zum obsoleten kommunistischen Narrativ. Einen Rechtsruck verzeichnet man darüber hinaus neulich nicht nur in Österreich und Italien, sondern auch in altdemokratischen Ländern wie Dänemark, Schweden, Frankreich oder den Niederlanden. Auch der von der Weltwirtschaft so befürchtete (harte) Brexit ist mehr oder weniger eine Folge des wiederaufkommenden englischen Nationalstolzes mit klaren Abschottungstendenzen. Last not least verdankt ebenfalls der mit dem Wahlkampfslogan „Make America great again“ werbende Donald Trump seinen Wahlsieg dem Kreuzzug gegen die von ihm als „Feinde des amerikanischen Volkes“ verunglimpften liberalen Mainstreammedien sowie ebensolche politische Bildungselite. Um Unterstützung für seinen protektionistischen wirtschaftlichen Nationalismus im Zeichen einer „America First“-Politik zu gewinnen, greift er immer wieder auf Gott sowie nationale Identität und Solidarität der Amerikaner zurück. Dabei erhöht er durch explizit rassistische, ganze ethnische und religiöse Gruppen ausgrenzende Rhetorik und Diffamierung des Feminismus und der Multikulturalität die Gefahr sozialer Spannungen.

Im dritten Band der Zeitschrift „Thalloris“, die vom Institut für Germanistik der Universität Zielona Góra herausgebracht wird, wollen wir uns dem Themenfeld „Nationalismen“ in kultureller, historischer, literaturwissenschaftlicher und linguistischer Perspektive zuwenden. In der bewusst hervorgehobenen Pluralform kommt die Erfahrung der großen Formbarkeit, Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit des übersteigerten Nationalbewusstseins/-gefühls zum Ausdruck. Ob als (oft nur Party-)Patriotismus verkleidet, oder im Gewand eines religiös untermauerten Sendungsbewusstseins des eigenen Volkes; ob als ein nationales Sich-von-den-Knien-Erheben gepaart mit dem Abschütteln von angeblich bedrohlichen Fremdeneinflüssen und der Verhinderung der Überfremdung maskiert, oder als sowohl politische Korrektheit als auch vermeintlich linksradikale Gender-Ideologie ablehnende, auf „gesunder Vernunft“ fußende Gesinnung getarnt, lugt bei allerlei selbsternannten Volksrettern und Kulturbewahrern allzu oft die altbekannte, schlecht geschminkte Fratze des Chauvinismus hervor.

So laden wir alle Interessierten herzlich dazu ein, sich am konstruktiven Aufspüren von Facetten und Spuren des scheinpatriotischen und nationalistischen Denkens und Handelns zu beteiligen. Ihre Beiträge – gemäß den beigefügten Stylesheet-Angaben gestaltet – schicken Sie bis zum 31. Januar 2019 an die folgende Mail-Adresse: thalloris.ifg.uz@gmail.com.

Stylesheet

 

Cezary Lipiński und Wolfgang Brylla

Zielona Góra, den 23. September 2018